Dr.Stephan Koja, Belvedere Wien

Es ist ein Charakteristikum der späten Arbeiten Monets und im Besonderen der Seerosenbilder, dass sich alle Bildgrenzen aufheben, oben und unten verkehren, dass Realität und Spiegelung, Oberfläche und Tiefe in dem Gefüge prachtvoller Farben zusammenfließen und auf einer neuen Ebene, der reinen Malerei, eine neue Existenz erschaffen: die des Bildes.

Gerade um diesen Kern dreht sich die Arbeit von Andrea Bischof. Auch Bischofs Bilder stellen sich als farbliches Kontinuum dar, das nur wie zufällig durch die Bildränder beschnitten wird. Wie bei Monets Wasserflächen in seinen Seerosenbildern steigt aus der Tiefe etwas auf, drängt aus der Struktur der Farbpläne etwas an die Oberfläche, pulsiert eine innere Kraft, die rein über die Farbe wahrgenommen wird. Eine Malerei des Freilegens und Verbergens, des Darüber und Darunter, Vor und Zurück, farbige Oberfläche und farbige Tiefe.
Dabei spielt die Farbmaterie eine äußerst wichtige Rolle. Aus dem Bearbeiten der Ölpaste, aus dem Auftragen und Verwischen, dem Intensivieren und Auflösen, entsteht erst die Dynamik dieser Farbwunder. Denn Andrea Bischof malt in Schichten. Sie beginnt mit einer ersten aufwendigen farbigen Struktur und legt dann immer weitere Farbschichten über diese. Sie geht nie vollständig deckend vor, sondern lässt Teile aus oder malt mit leichter Transparenz, sodass das Darunterliegende immer präsent ist und in den Aussparungen kleinere Formen und Muster entstehen, die nur auf den ersten Blick wirken, als wären sie nachträglich auf das Bild gesetzt. So entsteht so etwas wie ein atmender Organismus, der dem Pulsieren der Farbe Raum gibt und den Bildern enorme Tiefe verleiht.
Inspiration für ihr malerisches Vorgehen fand die Künstlerin im Spätwerk Monets, und damit gibt sie ein schönes Beispiel für die anhaltende Kraft von dessen Werk bis zum heutigen Tag. So verkörpern Bischofs Bilder eine Malerei, die in einer reichen Tradition steht und diese zugleich auf das Eindrucksvollste erneuert. Viele der Wirkungen ihrer Bilder vermochte die Künstlerin auch nur durch die Technik der Ölmalerei zu erzielen, die sich gerade durch ihr inneres Leuchten und die Möglichkeit, darunterliegende Schichten durchscheinen und sozusagen mitsprechen zu lassen, auszeichnet.
Dabei empfand es Andrea Bischof als ihr größtes Glück, beim Malen, wie sie sagt, „Farben zu erfinden“. Es war der Prozess des Arbeitens, in dem der erfüllende Moment sich einstellte, denn (er-)finden kann nur, wen die Inspiration bei der beständigen Arbeit antrifft. Und Bischof arbeitete ihre farbigen Untersuchungen, ihre koloristischen Modulationen konsequent in Bilderreihen oder teilweise großen Serien wie den Reflexionen (ab 1993), später den Pulsationen (ab 2005) ab.
Abgesehen von einigen quadratischen Bildern verwendete sie dabei bevorzugt das Hochformat, kam es doch ihrem senkrechten Arbeiten von oben nach unten entgegen. Der daraus resultierende Pinselduktus brachte sie dabei zuweilen in erstaunliche Nähe zu manchen der späten Bilder Monets wie etwa den Glyzinien von 1919/20 oder den Bildern der Japanischen Brücke aus den Jahren 1918 bis 1924 – und doch ist ihre Malerei etwas ganz anderes, Eigenes.
Die Sinnlichkeit der bebenden, von innen her glühenden Farbflächen, das weiche Pochen der Töne auf Bischofs Bildern erreichen zuweilen die Intensität des späten Pierre Bonnard, der ja auch seine Schlüsse aus Monets Kolorismus gezogen hatte[i] – jene Auflösung der Darstellung in große Bildpläne, jene Befreiung der Farben zu ihrem Eigenleben in einem prachtvollen Schauspiel reicher koloristischer Orchestrierung.
Über diese Farbereignisse kommunizieren Bischofs Werke auf einer anderen Ebene als der gegenständlichen mit dem Betrachter, sprechen ihn auf subtile und doch äußerst intensive Weise in seinem Innersten an.
Diese tief ins Seelische gehende, den Menschen in seinem Gemüt berührende Wirkkraft der Farbe war Hugo von Hofmannsthal 1901 angesichts von Bildern van Goghs aufgegangen, als er mit einem Mal „das Eigentliche, das unbeschreiblich Schicksalshafte“[ii] sah. „Und nun konnte ich, von Bild zu Bild, ein Etwas fühlen, konnte das Untereinander, das Miteinander der Gebilde fühlen, wie ihr innerstes Leben in der Farbe vorbrach und wie die Farben eine um der andern willen lebten und wie eine, geheimnisvoll-mächtig, die andern alle trug, und konnte in dem allem ein Herz spüren, die Seele dessen, der das gemacht hatte […].“[iii]

Dr.Stephan Koja, Belvedere Wien

[i] Nach dem Erwerb der Villa „Ma Roulotte“ in Vernonnet nordwestlich von Paris im Jahr 1912 hatte Bonnard Monet im nahe gelegenen Giverny regelmäßig besucht.
[ii] Hugo von Hofmannsthal, „Die Farben“ (aus den Briefen des Zurückgekehrten, 26. Mai 1901), in: ders., Gesammelte Werke, Bd. 3, Berlin 1934, S. 225.
[iii] Hofmannsthal 1934 (wie Anm. 56), S. 227.